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Sattelzug tötet Neunjährigen
In Berlin kamen gestern zwei Radfahrer ums Leben, als Lkws rechts abbiegen wollten
Andreas Kopietz
In Berlin sind gestern zwei Radfahrer von Lkws getötet worden. Am Morgen kam in Charlottenburg ein neunjähriger Junge ums Leben. Gegen 8.15 Uhr waren Darso und seine 43-jährige Mutter mit Fahrrädern auf der Bismarckstraße unterwegs. Darsos Mutter fuhr voraus. An der Ecke Kaiser-Friedrich-Straße wollten die beiden bei "Grün" die Straße überqueren. Doch in diesem Moment bog auch ein Sattelzug nach rechts ab, der das Kind überrollte. Noch am Unfallort starb der Junge. Der 39-jährige Unfallfahrer aus Brandenburg kam mit einem Schock zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus. Die Mutter erlitt ebenfalls einen schweren Schock. Nach Auskunft der Polizei wurde sie von einem Notfallseelsorger nach Hause begleitet.
Der Fahrer der 18-Tonnen-Zugmaschine samt Auflieger hatte eine Fast-Food-Kette beliefern wollen. Was genau passierte, als er abbiegen wollte, das versucht die Polizei jetzt zu rekonstruieren. Die Unfallermittler haben widersprüchliche Zeugenaussagen. So ist ungeklärt, ob der Lkw-Fahrer zunächst gebremst hatte, um die Mutter vorbeizulassen, oder ob er in voller Fahrt abgebogen war. Möglicherweise befand sich der herannahende Junge im toten Winkel des Rückspiegels, vermutet die Polizei. "Auf jeden Fall hat der Fahrer den Unfall verursacht. Er hat nicht die erforderliche Sorgfaltspflicht walten lassen", sagte ein Ermittler gestern Abend. Angesichts des Unglücks appellierte die Polizei an alle Fahrer und Eltern, bei Kindern im Straßenverkehr besonders vorsichtig zu sein. Kinder seien erst ab zehn Jahren in der Lage, die Geschwindigkeit herannahender Fahrzeuge richtig einzuschätzen und sich korrekt im Straßenverkehr zu bewegen.
Am Nachmittag starb dann ein 59-jähriger Radfahrer nach einem Unfall in Tempelhof. Laut Polizei war er an der Kreuzung Gottlieb-Dunkel-Straße, Ecke Teilestraße mit einem Lkw zusammengestoßen. Ersten Ermittlungen zufolge hatte ihn der Lkw-Fahrer übersehen.
Beiden Unfällen scheint eines gemeinsam: Die Fahrer konnten in ihren Rückspiegeln nicht alles sehen. Ein Umstand, den der Fahrradbeauftragte des Senats, Benno Koch, seit längerem anprangert: "Bis zu 50 Prozent aller tödlichen und schweren Unfälle haben mit dem toten Winkel vor oder hinter Lkws zu tun." Koch zufolge liegen 38 Prozent des Sichtfeldes des Lkw-Fahrers im toten Winkel. "Würde man einen vierten rechten Außenspiegel anbringen, dann wären es nur noch vier Prozent." Koch fordert, dass der vierte Spiegel Pflicht wird wie etwa in den Niederlanden. Dort seien die Unfälle im toten Winkel um 42 Prozent zurückgegangen.
Laut Polizei verunglückten in Berlin im vergangenen Jahr 75 Radfahrer und fünf Fußgänger, als Lkws rechts abgebogen sind. Angesichts der gestrigen Unfälle fordert Koch von Berlin eine Bundesratsinitiative für einen vierten Spiegel. Doch Lobbyisten wie die Fuhrgewerbeinnung sind offenbar dagegen, denn so ein Spiegel kostet rund 150 Euro. Tatsächlich legt die Innung Wert auf Veranstaltungen, die für ihre Mitglieder preiswerter sind: etwa eine Verkehrssicherheitsaktion "Gefahr toter Winkel", die in diesen Tagen an Berliner Schulen läuft. Kinder sollen auf die Fahrersitze von Lastern klettern, um sich davon zu überzeugen, dass sie im Rückspiegel wirklich nicht gesehen werden.
Berliner Zeitung vom 24.03.2004
LKW übersieht Kind
Wieder übersah ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen ein Kind auf dem Fahrrad. Das elfjährige Mädchen liegt schwer verletzt im Krankenhaus. (Der Tagesspiegel, 08.06.2004)
TOD UNTERM LKW Ein Jahr nach dem Unfall in Charlottenburg
Blumen am Denkmal für Dersu
Mahnwache für Jungen, der von einem Rechtsabbieger überrollt wurde
„Lachweltmeister, deine Späße, deine Scherze, die werden uns fehlen“ – das Lied hatten Freunde schon bei der Beerdigung des kleinen Dersu im vergangenen Jahr gesungen. Gestern nun stimmten es jene an, die sich am Nachmittag zum Gedenken an der Unfallstelle versammelten und dort bald ein Denkmal für Dersu aufstellen wollen.
An der Kaiser-Friedrich-Straße Ecke Bismarckstraße hatte ein 40-jähriger Lieferwagenfahrer einer Fast-Food-Kette am 23. März 2004 den Kopf des neunjährigen Kindes vor den Augen seiner Mutter überrollt. Am Todestag des Jungen aus Charlottenburg wurde erneut eine gesetzlichen Regelung zu Rückspiegeln bei Lkw gefordert, wie sie andere europäische Länder trotz EU-Widerspruches längst erlassen haben (s.unten).
Auf dem Grünstreifen lagen Blumen, auch Kränze der Fraktionen von SPD und Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf. Voll war es, links und rechts rauschte der Verkehr, die Reden von Mitgliedern des Kiezbündnisses Klausenerplatz gingen fast im Lärm unter. Und doch sind die Forderungen klar. „Weg mit dem toten Winkel, her mit dem Gesetz“, stand auf Papp-Paragrafen. „Es grenzt an systembedingten Totschlag, dass ein Gesetz versprochen wurde, aber nichts geschieht“, sagte Lutwin Temmes vom Kiezbündnis.
Martin Keune, Begründer der Spendenaktion im Tagesspiegel für den Dobli-Weitwinkelspiegel, forderte „mehr Mut vom Gesetzgeber wie in Dänemark“. Wenn nichts mehr helfe, dann aktuelle Zahlen der EU für Deutschland wie diese: „Der volkswirtschaftliche Schaden durch Tote und Verletzte nach Tote-Winkel-Unfällen beläuft sich im Jahr auf 325 Millionen Euro. Wenn der Staat jedem Lkw-Betreiber einen Spiegel spendieren würde, wären das nur 60 Millionen Euro“. Welcher Politiker könne den Verwandten jener Menschen, die wegen fehlender Sicherheitsvorschriften zu Schaden kommen werden, in die Augen schauen – das fragte Dersus Onkel laut in die Runde.
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig und der Verkehrsexperte der SPD im Abgeordnetenhaus, Christian Gaebler, vereinbarten, an die EU-Parlamentarier heranzutreten. Katrin Schäfer von der SPD im Bezirk und Grünen-Kollege Andreas Koska wollen sich für das Ton-Mahnmal stark machen, das Bildhauerin Rachel Kohn schon mal in Pappe aufgebaut hatte: Ein Turm mit Bodenrelief als Denkmal für die Opfer im Straßenverkehr. Bezirksstadträtin Martina Schmiedhofer (Bündnisgrüne) ließ die Idee schon vom Tiefbauamt prüfen – erfolgreich. Der Wunsch, wie in Amsterdam gewisse Straßen für Lkw ohne Zusatzspiegel sperren zu lassen, sei hingegen schwerer umzusetzen. Annette Kögel
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